07 Okt. 2026

Tomás Saraceno im Haus der Kunst München: Ancestral Futures

Tomás Saraceno im Haus der Kunst München: Ancestral Futures bis 7.2.2027 – Aerocene, Arachnophilia und das Salzseen-Werk in Argentinien. Infos & Tipps.

Tomás Saraceno im Haus der Kunst München: Ancestral Futures

Ein Museum, das sich in ein Luftschiff ohne Treibstoff, in ein Spinnennetz und in ein Archiv des Wetters verwandelt – und dessen eigentliches Hauptwerk Tausende Kilometer entfernt auf 3.500 Metern Höhe liegt: Mit „Tomás Saraceno in collaboration. Ancestral Futures“ zeigt das Haus der Kunst in München noch bis zum 7. Februar 2027 die bislang umfassendste Ausstellung des argentinischen Künstlers. Sie ist ungewöhnlich persönlich, politisch und poetisch zugleich – und für alle, die Kunst als Möglichkeitsraum begreifen, ein Pflichttermin dieses Münchner Herbstes und Winters.

Tomás Saraceno: Zwischen Kunst, Architektur und Wissenschaft

Tomás Saraceno wurde 1973 in San Miguel de Tucumán in Argentinien geboren. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbindet er Kunst, Architektur und Naturwissenschaft, um mögliche öko-soziale Zukünfte zu entwerfen. Seine Interessen bewegen sich dabei selbstverständlich zwischen mikroskopischen und galaktischen Maßstäben: von der Architektur der Spinnennetze bis zu Wolken, Sonnenstrahlung und Wind.

Das Magazin Monopol beschreibt die Münchner Schau als die wichtigste Ausstellung eines wichtigen Künstlers. Das Prinzip der Zusammenarbeit zieht sich durch sein gesamtes Werk: Saraceno kooperiert mit Erwachsenen und Kindern, mit Spinnen und Hunden – und mit Naturkräften wie Wolken und Sonne. Schon der Ausstellungstitel macht diese Haltung deutlich: Das Werk gehört nicht einem einzelnen Genie, sondern entsteht gemeinsam.

Ancestral Futures: Drei Stränge einer Ausstellung

Kuratiert von Sarah Theurer und Andrea Lissoni, führt die Ausstellung zwei zentrale Forschungsfelder des Künstlers zusammen und ergänzt sie um eine neue Auftragsarbeit. Das Haus der Kunst wird dabei nicht zum Container für monumentale Objekte, sondern zu einem Beziehungsgeflecht: Von der Luft getragene Skulpturen, geteilte Lebensräume, Netzstrukturen, Klangsysteme und räumliche Eingriffe verändern die Galerien von innen und laden dazu ein, Raum als etwas kollektiv Erzeugtes zu begreifen – von Körpern, Materialien, Klimata und Arten.

Aerocene: Fliegen ohne fossile Energie

Die 2015 von Saraceno initiierte interdisziplinäre Gemeinschaft Aerocene entwirft solarbetriebene Skulpturen, die sich allein mit Luft, Wärme und Strahlung fortbewegen – ganz ohne Brennstoff, Helium oder Batterien. Einen Höhepunkt erreichte das Projekt 2020, als Aerocene Pacha in Argentinien einen Rekordflug absolvierte, der ausschließlich von natürlichen atmosphärischen Kräften angetrieben wurde. In München wird diese Vision einer emissionsfreien Zukunft einmal mehr erfahrbar.

Arachnophilia: Von Spinnen lernen

Wenn Aerocene den Blick nach oben richtet, lenkt Arachnophilia die Aufmerksamkeit auf Intelligenzformen, die längst um uns existieren. Saraceno betrachtet Spinnennetze als Architektur, Messinstrument, Kommunikationsnetzwerk und Aufzeichnung von Bewegung. In Arbeiten wie Towards the Sanctuary of Water werden sie zu Modellen, um über Interdependenz und Zusammenleben nachzudenken.

El Santuario del Agua: Das größte Werk liegt in den Anden

Das Herzstück der Schau ist ein Werk, das man im Museum nur vorab erleben kann: El Santuario del Agua (The Sanctuary of Water), eine dauerhafte Land-Art-Installation in den Salinas Grandes im Norden Argentiniens. Sie entsteht gemeinsam mit den elf indigenen Gemeinden des Netzwerks Red Atacama. Die Salinas Grandes liegen in den Provinzen Jujuy und Salta auf rund 3.500 Metern Höhe (11.300 Fuß) – einem der größten Lithiumvorkommen der Welt. Nach Regenfällen verwandelt sich die Salzfläche in eine spiegelglatte Oberfläche, in der sich der Himmel reflektiert.

Dort bauen Saraceno und die Gemeinden laut The Art Newspaper fünf halbkreisförmige Strukturen überwiegend aus Salz. Sie messen im Durchmesser zwischen rund zwei und 30 Metern und ragen bis zu 15 Meter hoch auf. Das Projekt soll ein gemeindegeführtes Modell nachhaltigen Tourismus etablieren: Alle Einnahmen bleiben bei den Gemeinden, die den Ort besitzen und verwalten. Die Organisator:innen rechnen mit 100 bis 350 Besucher:innen täglich. Saraceno selbst nennt das Werk ein „Denkmal für kollektives Handeln“. Die Eröffnung in Argentinien wurde für Oktober angekündigt – aktuelle Informationen gibt es beim Studio Tomás Saraceno.

Kunst als Antwort auf Lithium-Abbau und Wassernot

Hinter dem Werk steht ein realer Konflikt. Der Widerstand der Gemeinden gegen den Lithiumabbau und der Druck auf den regionalen Wasserkreislauf bilden den Ausgangspunkt der Arbeit. Lithium ist ein Schlüsselrohstoff der globalen Energiewende – doch den Gemeinden der Salinas Grandes garantiert niemand, dass sie genug zu trinken haben. Saraceno setzt dem gemeinsam mit den Aktivist:innen der Red Atacama etwas entgegen, ohne deren Anliegen zu vereinnahmen.

Dabei wird die Ausstellung ungewöhnlich persönlich: Saraceno verweist auf seine eigene Familiengeschichte, die ihn einst in dieses Land geführt und später durch die Diktatur ins Exil getrieben habe und die zugleich in die Industriegeschichte eingewoben sei, die heute auf den Salinas Grandes laste. Sich auf die Seite der Communities zu stellen, bedeute daher nicht, außerhalb dieser Geschichte zu stehen. Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von Brainlab, dem bayerischen Medizintechnik-Unternehmen und Ausstellungspartner des Hauses.

Die Ausstellung stellt damit eine Frage, die weit über Ästhetik hinausgeht: Wie gestalten wir die ökologische Transformation nicht nur technisch, sondern auch kulturell, sozial und philosophisch – und wer entscheidet darüber?

Praktische Infos zum Besuch

  • Ausstellung: „Tomás Saraceno in collaboration. Ancestral Futures“ (deutscher Titel: „Verwobene Welten“), 17. Juli 2026 bis 7. Februar 2027
  • Ort: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München
  • Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10–20 Uhr, dienstags geschlossen; die Ausstellungen schließen 15 Minuten früher. Am 24. und 31. Dezember ist das Haus geschlossen.
  • Eintritt (Hausticket Large): 15 Euro regulär, 11 Euro ermäßigt, 5 Euro für Schüler:innen und Studierende ab 12 Jahren; Kinder unter 12 Jahren frei. Das Family-&-Friends-Ticket (2 Erwachsene, bis zu 3 Kinder) kostet 35 Euro.
  • Freier Eintritt: Beim „Open Haus“ am letzten Freitag im Monat von 16 bis 22 Uhr – mit Führungen, Workshops und Programm.
  • Anfahrt: Mit Bus 100 bis Königinstraße oder mit der U4/U5 bis Lehel; das Haus liegt direkt am Englischen Garten, nahe der Eisbachwelle. Hinter dem Gebäude gibt es Parkplätze.
  • Barrierefreiheit: Der Haupteingang ist stufenlos über eine Rampe erreichbar, es gibt einen Aufzug und eine barrierefreie Toilette. Angeboten werden Führungen in Deutscher Gebärdensprache, Tastführungen sowie Informationen in Leichter Sprache. Bei Fragen hilft der Besucherservice unter +49 89 211 27 113.

    Tipp: Tickets sind online über die Website des Haus der Kunst buchbar. Planen Sie für die Schau mehr Zeit ein, als Sie vermuten – die immersiven Räume laden zum Verweilen ein. Anschließend lohnt sich ein Besuch in der Goldenen Bar im Haus.

    Fazit: Eine Ausstellung, die über das Museum hinausweist

    „Ancestral Futures“ zeigt, was zeitgenössische Kunst im besten Fall leisten kann: Sie staunt, forscht, widerspricht – und handelt. Saracenos Münchner Ausstellung ist zugleich Retrospektive, Labor und Vorschau auf ein Werk, das seinen Ort in den argentinischen Salzseen hat und dessen Erträge den Menschen vor Ort zugutekommen sollen. Wer verstehen will, wie Kunst an der Schnittstelle von Klima, Technologie und Gerechtigkeit aussehen kann, sollte sich diese Schau nicht entgehen lassen.

    Unser Tipp: Sichern Sie sich jetzt Ihr Zeitfenster auf der Ticketseite des Haus der Kunst – oder kommen Sie zum kostenfreien Open Haus am letzten Freitag des Monats. Und wenn Sie die Ausstellung gesehen haben: Erzählen Sie uns in den Kommentaren, welche Installation Sie am meisten beeindruckt hat.

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