Basel
Museum

Museum Tinguely

Paul Sacher-Anlage 1, 4058 Basel

Mit seinen kinetischen Werken belebte und revolutionierte der in Basel aufgewachsene Jean Tinguely (1925–1991) in den fünfziger und sechziger Jahren als Teil der Pariser Avantgarde den »statischen« Kunstbetrieb.

 

Aus alltäglichen Materialien wie Eisendraht, Weißblech und Farbe konstruiert Tinguely zu Beginn der 50er Jahre bewegliche abstrakte Konstruktionen, die sich auf Basis eines Zahnradmechanismus mit Handkurbeln in Bewegung setzen lassen.
1954 stellt der Künstler in Paris seine ersten motorbetriebenen Reliefs aus, die er später »Méta-mécaniques« nennen wird.

 

Mit Hilfe von Rollen, Treibriemen und Elektromotoren bewegen sich geometrische Metallelemente in unterschiedlicher Geschwindigkeit vor einfarbig gestrichenen Holzplatten und bilden ständig neue, zufällige Kompositionen.

 

In Paris konzipiert Tinguely mit Abfallmaterialien 1955 seine ersten Lautreliefs, die abstrakte Geräusche erzeugen.

 

 

Architektur

 

Der Architekt Mario Botta hat mit seinem am Rhein gelegenen Museum einen ungewöhnlichen Spiel-Raum für Tinguelys Werke geschaffen. Allein in der gewaltigen zentralen Halle finden bis zu zwanzig Maschinenskulpturen Platz. Nach dem Museumsbesuch laden der historische Solitude-Park mit seinem alten Baumbestand, die Rheinpromenade und das Bistro »Chez Jeannot« zum Entspannen, Flanieren und Genießen ein.

Veranstaltungen und Ausstellungen

08.02.23 - 03.01.27

La roue = c'est tout – Sammlungspräsentation

Laut Tinguely »leben wir in einer Räderzivilisation«. So sind das Verhältnis von Mensch und Maschine und die daraus resultierenden Abhängigkeiten, die Tinguely lustvoll dekonstruierte, auch heute noch prägend für unser Leben. Die neue Sammlungspräsentation lädt ein, das filigran-poetische Frühwerk, die explosiven Aktionen und Kollaborationen der 1960er Jahre und die musikalischen, monumentalen und düsteren Spätwerke in einem abwechslungsreichen Parcours zu entdecken, der viele Möglichkeiten zum Mitmachen bietet.

 

Erstmals seit der Gründung des Museums 1996 wird die ständig wachsende Werksammlung des Künstlers wieder in der großen Halle des Hauses ausgestellt. Ergänzt durch einige Leihgaben wichtiger Schlüsselwerke eröffnet sich damit ein umfassender Überblick über Tinguelys Schaffen. Seine Aussage »La roue = c’est tout« dient dabei als roter Faden: Das Motiv des Rads zieht sich nicht nur durch alle Schaffensphasen des Künstlers, es steht auch für Tinguelys Überzeugung, der andauernde Wandel der Zeit müsse in der Kunst Ausdruck finden.

 

Nach Tinguelys Tätigkeit als Schaufensterdekorateur in Basel, die an seine Ausbildung in der Kunstgewerbeschule anschloss, wagte er 1952 den Schritt, der für seine Karriere entscheidend sein sollte: Sein Umzug nach Paris führte zu neuen Inspirationsquellen und wichtigen Kontakten in der Kunstszene. Gleich im ersten Raum der Sammlungspräsentation kommen Tinguelys Erfindungsreichtum und Innovativität zur Geltung. Er ist den frühen kinetischen Drahtskulpturen und Reliefs der 1950er Jahre gewidmet, mit denen Tinguely seinen Ruf als Pionier der kinetischen Kunst begründete. Der Durchbruch gelang ihm 1959 mit der Erfindung der Méta-Matic-Zeichenmaschinen. Durch die Miteinbeziehung des Publikums hinterfragte er nicht nur den etablierten Begriff von Kunstwerk und Künstler:in, sondern auch festgefahrene Strukturen des kapitalistischen Kunstmarkts.

 

1960 schloss sich Tinguely mit weiteren Künstler:innen zu den Nouveaux Réalistes zusammen. Sie setzten sich zum Ziel, die Kluft zwischen Kunst und Leben zu überwinden. Parallel dazu begann Tinguely mit der Herstellung seiner Werke aus Schrott und Alltagsmaterialien. In der Sammlungspräsentation werden diese der darauffolgenden Serie von schwarzen Skulpturen gegenübergestellt, welche ab der Mitte der 1960er Jahre entstanden. Durch die schwarze Bemalung treten die einzelnen Bestandteile der Skulpturen stärker in den Hintergrund zu Gunsten der unterschiedlichen – mal eleganten und leichten, mal schweren und martialischen – Bewegungsabläufen, die seinen Maschinen eingeschrieben sind.

 

Ein Schwerpunkt der Sammlungspräsentation liegt auf Tinguelys Aktionen und Happenings sowie den Gemeinschaftsprojekten, die er zusammen mit befreundeten Künstler:innen plante und realisierte. Diese führten ihn aus seinem Atelier heraus – von Paris über London nach New York und in die Wüste Nevadas, von Stockholm über Mailand und Milly-la-Forêt bis hin zurück nach Basel. Planungsskizzen, Fotografien und Filmaufnahmen sowie erhalten gebliebene Fragmente veranschaulichen, wie facettenreich und innovativ Tinguelys Schaffen war. Seine Aktionen und Projekte amüsierten und provozierten zugleich – und sprengten damals alle Konventionen der Kunstgeschichte.

 

Als besonderes Highlight wird nach mehr als zwanzig Jahren erstmals wieder ein wichtiges Hauptwerk der 1960er Jahre präsentiert: L’Éloge de la Folie steht stellvertretend für die zahlreichen Kollaborationen, an denen Tinguely beteiligt war. Ähnlich einem überdimensionierten Schattenspiel wird das flache schwarze Räderwerk mit einer Größe von 5 x 7.5 Metern von hinten beleuchtet und ist damit ein echter Blickfang. Ursprünglich fungierte die Arbeit als Teil eines Bühnenbilds für das gleichnamige Tanzstück, welches 1966 im Pariser Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt wurde. Damals setzte ein Tänzer die Räder der Konstruktion auf einem veloähnlichen Gestell in Bewegung. Heute übernimmt ein Elektromotor diese Aufgabe. Die wechselseitige Abhängigkeit von Mensch und Maschine wird durch eine menschliche Silhouette aber weiterhin auf eindrucksvolle poetische Weise zum Ausdruck gebracht.

 

Mit der neuen Sammlungspräsentation finden 2023 neben dem begehbaren Werk Große-Méta-Maxi-Maxi-Utopia (1987) auch wieder Tinguelys Musikmaschinen wie die Fatamorgana – Méta-Harmonie IV (1985) oder die Méta-Harmonie II (1979) ihren Platz im freien Raum der Halle, die der Architekt Mario Botta ursprünglich eigens für die Großwerke Tinguelys konzipierte. Hier bewegen sich die Werke in einem zeitlich festgelegten Ablauf, um sie nacheinander in Aktion erleben zu können.

 

Auf einem neu eingezogenen Zwischengeschoss wird schließlich Tinguelys Spätwerk der 1980er Jahre in den Blick genommen. Dieses zeichnet sich durch seinen düsteren und oft sakralen Charakter aus, welcher aus Tinguelys Beschäftigung mit den Themen von Vergänglichkeit und Tod resultierte. Diese Aspekte spielten auch in seine Faszination für den Motorsport hinein. Die Perfektion in der Verbindung von Mensch und Maschine, aber auch die latente Gefahr von Unfall, Chaos und Tod zogen Tinguely ein Leben lang in den Bann. Seine zahlreichen Besuche von Formel-1-Rennen dienten auch zur Neubeschaffung von künstlerischem Material. Neben Tierschädeln integrierte Tinguely in seinen späten Maschinen so auch immer wieder Fragmente beschädigter Rennautos.

 

Eine Erlebnis-Wand beim Eingang des Museums ist der Auftakt für Familien und Besuchende mit Kindern im Haus. Über mehrere Sinne bietet sie Anregungen für einen inspirierenden Besuch und gibt Einblick in die Kunstvermittlung des Museums sowie deren aktuelle Angebote.


Um die Kunstwerke der Sammlung eigenständig auf spielerische Art zu erkunden, bietet die Kunstvermittlung zusätzlich zum Museumsbesuch ‘Parcours für Familien‘ an, die zu neuen Entdeckungen einladen und Denkanstösse für Jung und Alt liefern.

 

Die Ausstellung wird kuratiert von Roland Wetzel, Assistenz: Tabea Panizzi

05.03.26 - 07.03.27

Nicolas Darrot. Fuzzy Logic

Fuzzy Logic verwandelt den kleinsten Ausstellungsraum Basels, die ehemalige Telefonzelle des Museum Tinguely, in ein Figurentheater. In fünf Akten wird eine Auswahl der gleichnamigen Werkgruppe von Nicolas Darrot präsentiert. Die Besucher:innen aktivieren die Performance selbst: Mit dem Scan des Barcodes auf einer eigens gestalteten Spielkarte wird die Figur zum Leben erweckt. Sie singt, tanzt und bewegt sich in ihrer ganz eigenen unscharfen Logik.

 

Nicolas Darrot (*1972 in Le Havre) lebt und arbeitet in Paris. In seinem primär skulpturalen und installativen Werk realisiert er robotisierte Puppen, Automaten und mechanische Figuren, die sich zwischen Theater, Technik und Fabelwesen bewegen. Der Künstler programmiert seine Arbeiten selbst. Dieses Zusammenspiel aus handwerklichem und digitalem Können entwickelte sich nach seinem Abschluss an den Beaux-Arts in Paris 1998, als Darrot in der Filmproduktion als Teil eines Special-Effects-Teams arbeitete. Eine Erfahrung, die grossen Einfluss auf seine späteren Arbeiten nahm. In seinem Atelier, das Werkstatt und Programmierstube zugleich ist, treffen sich Präzision und Zufall. Millimetergenau konstruierte Bewegungsabläufe münden in unvorhersehbaren Choreografien. Das bewusste «Offenlassen» wird dabei zum künstlerischen Prinzip.

 

Fuzzy-Logik akzeptiert das, was klassische Logik ausschliesst: Vieldeutigkeit und Unschärfe. Als Form künstlicher Intelligenz ermöglicht sie es Computern mit Mehrdeutigkeiten umzugehen, wie es dem menschlichen Denken inne ist. Die reale Welt ist von Natur aus ungenau. Zwillingsgeschwister sind unterscheidbar, die Grenzen zwischen Tag und Nacht verschwimmen, unser Wissen über einen Themenkomplex bleibt oft unvollständig. Darrots Figuren verkörpern diese Logik der Unvollkommenheit und bewegen sich voller Unsicherheiten und Gemütsschwankungen in spontanen Tänzen und komplexen Spielen.

 

Bei einigen der Figuren bestimmt der Zufall die Bewegung. Die Soundtracks komponiert und programmiert Darrot teilweise selbst, teilweise nutzt er Aufnahmen oder arbeitet mit Musiker:innen zusammen – jedes Element ist ein integraler Bestandteil des Gesamterlebnisses.

 

Die Aktivierung des Figurentheaters ist im allgemeinen Museumseintritt inbegriffen.

 

Kurator: Andres Pardey.

10.06.26 - 08.11.26

Labouring Bodies

 

Labouring Bodies untersucht aus feministischer Perspektive die vielschichtigen Beziehungen zwischen Körper und Technologie. Sie beleuchtet, wie insbesondere weibliche Körper seit der Moderne durch Maschinen geprägt und kontrolliert wurden. Im Zentrum stehen arbeitende, sorgende und gebärende Körper, die bis heute unsichtbar bleiben und in der Geschichte systematisch ignoriert wurden. Dabei greift der Ausstellungstitel mit der Doppeldeutigkeit von »labouring« als Lohnarbeit und Gebären die enge Verflechtung von Arbeit (Produktion) und biologischer Fortpflanzung (Reproduktion) auf. Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, Kunst vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken und zentrale gesellschaftliche Fragen zu Körper, Arbeit und Fürsorge zu reflektieren. Welchen Einfluss hat die Mechanisierung auf unser Leben und unsere Arbeitswelt? Welche Formen von Arbeit werden entlohnt – und welche bleiben unsichtbar? Und wie gerecht ist die Verteilung jener Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt?

 

Künstler:innen: Berenice Abbott, Monira Al Qadiri, Rosa Barba, Clara Bausch, Alexandra Bircken, Thomas Brinkmann, Daniela Brugger, Ursula Burghardt, Feliza Bursztyn, CATPC, Mbuku Kimpala, Helen Chadwick, Sella Hasse, John Heartfield, Pati Hill, Rebecca Horn, Juliana Huxtable, Doruntina Kastrati, Mary Kelly, Aurora Király, Kiki Kogelnik, Azade Köker, Suzanne Lacy, Magda Langenstraß-Uhlig, Alice Lex-Nerlinger, Elisabeth Niggemeyer, Ani Liu, Lee Lozano, Alexandra Navratil, Katja Novitskova, Ernestyna Orlowska, Frida Orupabo, Heiner Ranke, Margaret Raspé, Tabita Rezaire, Evelyn Richter, Niki de Saint Phalle, Marilou Schultz, Jean Tinguely, Ruth Wolf-Rehfeldt, Doris Ziegler

 

Ausgehend von der engen Verbindung von Mensch und Maschine, wie sie das Industriezeitalter charakterisiert, richtet die Ausstellung den Blick bewusst weg von der dominanten Figur des männlichen Arbeiters hin zu jenen Körpern, die in Kunst und Theorie lange übersehen wurden. Ein prägnantes Beispiel bietet Alexandra Navratils Film The Night Side (2016): Statt der erwarteten Dynamik industrieller Produktion zeigt sich hier die behutsame, beinahe intime Berührung von Maschinenteilen durch die Hand einer ehemaligen Arbeiterin. Diese Geste verweist auf eine alternative Erzählung von Arbeit – eine, die nicht von Effizienz, sondern von Erfahrung, Erinnerung und Körperlichkeit geprägt ist.

 

Die Ausstellung versammelt 36 historische und zeitgenössische künstlerische Positionen, die die Mechanisierung des Körpers in unterschiedlichen Kontexten sichtbar machen. Fotografien von Evelyn Richter zeigen Arbeiterinnen in Webereien, deren Körper von Maschinen dominiert werden, während Azade Kökers Skulptur Akkordarbeiterin (1987) die Fragmentierung des Körpers durch industrielle Arbeitsprozesse thematisiert. Zeitgenössische Arbeiten wie Doruntina Kastratis A Horn That Swallows Songs (2025) oder Ernestyna Orlowskas Performance Make Your Body Your Machine (2021-heute) führen diese Fragestellungen in die Gegenwart und beleuchten neue Formen der Prekarisierung in globalisierten Arbeitsverhältnissen.

 

Ein besonderer Fokus liegt auf der Weitung des Blicks auf verschiedene Formen von  Arbeit: Labouring Bodies thematisiert nicht nur bezahlte Lohnarbeit, sondern auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als zentrale, jedoch oft unsichtbare Grundlage wirtschaftlicher Systeme. Schon seit den 1970er Jahren hinterfragten Künstlerinnen der sogenannten zweiten Welle des Feminismus die kapitalistischen Produktivitätsvorstellungen und die Dichotomie von bezahlter Lohn- und unbezahlter Sorgearbeit. Beispielsweise zeigte Mary Kelly 1974 eine Doppelfilmprojektion, in der sie Aufnahmen aus der Produktion in einer Metalldosenfabrik Filmbildern ihres schwangeren Bauchs gegenüberstellte. Diese bisher nur einmalig gezeigte Installation, wird im Rahmen von Labouring Bodies erstmals rekonstruiert. Künstlerinnen wie Margaret Raspé machten in ihren Arbeiten die Monotonie und Endlosigkeit häuslicher Routinen sichtbar, während Helen Chadwicks Performance In the Kitchen (1977) die Apparatisierung von Hausarbeit kritisch hinterfragt und den weiblichen Körper als Teil eines technischen Dispositivs inszeniert. Wenig bekannt ist, dass bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen wie Alice Lex-Nerlinger und Sella Hasse die doppelte Ausbeutung der weiblichen Arbeiterin in ihrer Kunst sozialkritisch reflektierten.

 

Der »labouring body« ist auch im Sinne der biologischen Reproduktion als gebärender Körper zu verstehen. Ein zentraler Ausgangspunkt stellt hierfür die Installation HON von Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt im Moderna Museet in Stockholm (1966) dar. Diese stellte den weiblichen Körper als ein maschinelles Konglomerat von Technologie und Medien aus. Ani Liu und Katja Novitskova zeigen, wie gegenwärtig Reproduktionsarbeit technisiert wird und fragen welche unheimlichen Formen zukünftige Fürsorge annehmen könnten. Diese Perspektive wird mit Arbeiten von Juliana Huxtable, Frida Orupabo und Tabita Rezaire ergänzt, die die Kontrolle über den weiblichen, besonders auch Schwarzen Körper und seine reproduktiven Fähigkeiten thematisieren.

 

Entlang spezifischer technischer Geräte und Maschinen geht die Ausstellung auf die geschlechtliche Zuordnung von maschinellen und repetitiven Arbeiten an Schreib- und Rechenmaschinen, Kopieren und Computern ein. In Arbeiten von Rebecca Horn (Erika, 1992), Feliza Bursztyn, Ruth Wolf-Rehfeldt und Jean Tinguely (Olympia, 1960) wird die Schreibmaschine als historisches Symbol weiblicher Büroarbeit und als künstlerisches Medium neu lesbar und der weiblich codierte Arbeitskörper mit mechanischen Apparaturen verbunden.

Darüber hinaus verfolgt die Ausstellung die Verbindung von Textilproduktion und digitaler Technologie. Während aber Weben als weiblich kodierte Kulturtechnik galt, erscheinen Maschinen und Computertechnologie als männlich determiniert. Die Beiträge von Frauen, wie beispielsweise jener der Mathematikerin Ada Lovelace (1815–1852) zur Technikgeschichte des Digitalen und des Computers, wurden lange unterschlagen. Bevor es »den Computer« als technisches Gerät für Berechnungen gab, waren »die Computer« vor allem Frauen. Rosa Barba widmete ihre Arbeit Send Me Sky, Henrietta (2018) Henrietta S. Leavitt (1868–1921), die als »human computer« arbeitete und mit ihren Berechnungen eine Möglichkeit zum Messen von Distanzen im Universum entdeckte. Die miteinander verflochtene Geschichte von Webstuhl und Computer manifestiert sich auf besondere Weise in dem für die Ausstellung neu entstandenen Navajo-Weaving von Marilou Schultz, das visuell von Computerchips inspiriert ist und zugleich an die Beschäftigung von Navajo-Arbeiterinnen bei der Herstellung dieser Komponenten in der frühen Computerindustrie der USA erinnert.

 

Die Ausstellung führt diese historischen Linien bis in die Gegenwart fort und richtet den Blick auch auf die unsichtbare Datenarbeit, die von Millionen von Menschen weltweit ausgeführt wird. Daniela Bruggers muddy codes and soft infrastructures (2026) vermittelt die psychischen und sozialen Auswirkungen dieser neuen Formen der Arbeit, die ihren Vorläufer in der Heimarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat.

Labouring Bodies knüpft an zentrale Fragen des aktuellen Kunstdiskurses und wichtige Ausstellungen der letzten Jahre an und entwickelt deren Ansätze gezielt aus einer feministischen Perspektive weiter. Dabei steht eine kritische Neubetrachtung gegenwärtiger Körperdiskurse, die vereinfachende Lesarten – etwa eine unreflektierte Verschmelzung von Mensch und Maschine – bewusst hinterfragt, im Mittelpunkt. Damit setzt die Präsentation auch die Auseinandersetzung des Museum Tinguely mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine fort, die in vielen Ausstellungen des Museums mitschwingt und zuletzt explizit 2010 mit Roboterträume thematisiert wurde, und beschäftigt sich wie Territories of Waste (2022/2023) mit den materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft.

 

Mit Labouring Bodies positioniert sich das Museum Tinguely als Ort, an dem die Auseinandersetzung mit Maschine und Bewegung um eine dringend notwendige gesellschaftspolitische Dimension erweitert wird. Die Ausstellung versteht Mechanisierung nicht als abgeschlossenen historischen Prozess, sondern als fortdauernde Dynamik, die Körper formt, hierarchisiert und zugleich Räume für künstlerischen Widerstand eröffnet. Indem sie Werke vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart miteinander in Dialog bringt, bietet Labouring Bodies neue Perspektiven auf die Geschichte der Moderne an – und stellt zentrale Fragen an unsere Gegenwart.

 

Zur Ausstellung gibt es ein umfassendes Begleitprogramm.

 

Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Sandra Beate Reima

23.09.26 - 07.03.27

Zilla Leutenegger. ZWISCH ENRAUM/HINDU RCHZUSCHAUN

Zilla Leutenegger präsentiert in der Ausstellung Zwisch enraum / Hindu rchzuschaun rund zehn ihrer multimedialen Installationen sowie eine Anzahl Monotypien. Es sind Einblicke in eine geheimnisvoll bewohnte Architektur und Skizzen eines Lebens. Diese Augenblicke zwischen den Dingen erzählen nicht nur kurze, poetische Geschichten, sondern laden dazu ein, das Museum neu zu entdecken – und es mit anderen Augen zu sehen. Es ist, als wäre jemand im Museum eingezogen, immer wieder sind Spuren und Schatten einer Existenz zu finden.

 

Zilla Leutenegger, 1968 in Zürich geboren, gehört zu den prägendsten Stimmen der Schweizer Gegenwartskunst. Im Zentrum ihres Schaffens steht eine faszinierende Symbiose aus analogen und digitalen Medien, im Zentrum ihres Schaffens stehen ihre unverwechselbaren multimedialen Installationen und "Videozeichnungen". Dabei überlagert sie reduzierte Wandzeichnungen mit projizierten Videoelementen. Ein statischer Raum wird plötzlich durch den projizierten Schattenwurf einer sich bewegenden Figur zum Leben erweckt.

 

Diese raffinierten Raumsituationen bilden die Kulissen für die tiefgründigen Erzählungen ihres Werks. Das Storytelling spielt bei Leutenegger eine essenzielle Rolle. Oft tritt sie in Form ihres Alter Egos "Zilla" als Protagonistin auf. Diese gefilmte, gezeichnete oder digital konstruierte Figur führt alltägliche, leise Handlungen aus: Sie liest, wartet oder blickt aus dem Fenster. Durch diese intimen Momente spinnt die Künstlerin subtile Narrative, die beim Betrachter beim Publikum eigene Erinnerungen wecken.

Ihre Erzählungen sind selten linear. Leutenegger fängt vielmehr atmosphärische Zustände und flüchtige Emotionen ein. Die durch Licht, Projektion und Skizze erschaffenen Räume wirken wie begehbare Traumsequenzen, in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sowie zwischen Fläche und Raum völlig verschwimmen.

Ihr Werk ist eine fortlaufende Erzählung über die Poesie des Alltags. Indem sie den Betrachter:innen in ihre immersiven Welten einlädt, macht sie diese zu stillen Teilhaber:innen ihrer eindringlichen Geschichten.

 

Im Museum Tinguely treten ihre poetischen Werke in einen spannungsvollen Dialog mit der Sammlung des Hauses. In diesem Austausch treffen Leuteneggers leise, raumgreifende Projektionen auf die mechanische Dynamik Tinguelys. Es entsteht eine ganz neue Erzählung über Bewegung, Licht und Raum, die die Poesie des Alltags auf faszinierende Weise neu verhandelt. 

Kurator: Andres Pardey.

Standort
Standort
Paul Sacher-Anlage 1, 4058 Basel
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag11:00–18:00
Mittwoch11:00–18:00
Donnerstag11:00–21:00
Freitag11:00–18:00
Samstag11:00–18:00
Sonntag11:00–18:00
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